Die Aufnahme eines Reisemoments, in der ein ganzes Leben steckt!

Sind Reisemomente nur flüchtige Augenblicke oder Sehnsuchtsmomente? Welche Typen Reisende gibt es und was passiert im Moment des Ankommens und Abreisens mit uns? Wir haben Jemanden gebeten, uns diese Fragen zu beantworten, der es wissen muss, weil Reisen und das Schreiben darüber sein Beruf geworden ist.

Text von Sebastian Canaves  |  Egal, wie oft du schon deinen Rucksack oder Koffer gepackt, dich von deinen Lieben zu Hause verabschiedet und deinem Alltag den Rücken gekehrt hast – jedes Mal, wenn du dich wieder auf den Weg machst, heftet sich ein ganz bestimmtes Gefühl an deine Fersen. Es ist eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude, die manchmal mit ein wenig Schmerz und in jedem Fall mit einer großen Portion Abenteuerlust kombiniert wird. Ein Gefühl, das du, obwohl du es nicht genau beschreiben und manchmal kaum aushalten kannst, immer und immer wieder erleben möchtest.

Aber nicht nur der Beginn einer Reise ist ein wahnsinnig intensiver Emotionscocktail, sondern, wenn auch komplett anders, deine Ankunft und deine Rückkehr. Manchmal ist jede Minute zu lang, die dich von deiner Heimat trennt, und du kannst es nicht erwarten, endlich wieder in deinem eigenen Bett zu schlafen. Und genauso oft kann nicht genug Zeit vergehen, bis dich die Vertrautheit deines Zuhauses wieder einfordert.

Es sind aber nicht nur die Momente selbst, die einen Schauer über deinen Rücken jagen, sondern auch die Bilder, die in genau diesen Augenblicken entstehen. Kurze Momentaufnahmen, die auf den ersten Blick eine bekannte Szene zeigen: Menschen am Bahnsteig, auf der Straße, vor einem Bus – sie winken, umarmen sich, lachen, weinen, schreien oder sind ganz still, schauen ins Leere und wirken abwesend. Es könnte jeder sein. Doch wenn du genauer hinsiehst, dann erkennst du, dass jedes Bild eine andere aufregende und meist ganz persönliche Geschichte erzählt. Eine Geschichte voller Hoffnung, Ängste und Veränderungen – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Denn das Reisen besteht nicht nur aus fremden Kulturen, neuen Orten und unvergesslichen Erlebnissen. Reisen ist eine besonders emotionale Angelegenheit, die schier unbeschreibliche Gefühle mit sich bringt. Sobald du anderen Reisenden begegnest, werden diese Gefühle, die du mit dir herumträgst, in vielen kleinen und oft viel zu schnell vergessenen Momenten sichtbar. Das kann in der Abflughalle sein, in der du die sorgenvollen Blicke der Eltern verfolgst, die gerade ihr Kind auf seinen ersten Solotrip verabschiedet haben, oder am Bahnsteig, wenn eine Gruppe junger Leute die Reise ihres Lebens mit lautem Gelächter und echter Freude beginnt. Solche Augenblicke passieren aber auch an Orten, an denen du sie nicht erwartest: Auf offener Straße, wenn sich zwei Freunde nach einer langen Zeit zufällig über den Weg laufen, oder in einer Berghütte mitten in der Einsamkeit der Alpen, in der das längst überfällige Familientreffen stattfindet. Es wird begrüßt und verabschiedet, geweint und gelacht. Menschen kommen und gehen, brechen auf, kommen an oder sind nur auf der Durchreise – aber die Gefühle bleiben.

Vielleicht gehörst du – wie ich – zu den Menschen, die geplante oder ungeplante Wartezeiten damit verbringen, andere Leute auf ihren ganz eigenen Reisen zu beobachten. In den Wartehallen dieser Welt wirst du dabei Zeuge von unglaublich intimen Momenten, die wohl nur an diesen Orten so selbstverständlich in der Öffentlichkeit stattfinden. Es gibt die großen Augenblicke, die zwar nur wenige Minuten dauern, aber in denen manchmal ein ganzes Leben steckt. Dazu gehören tränenreiche Abschiedsszenen und Menschen, die sich beim Wiedersehen buchstäblich in die Arme springen und sich lange nicht mehr loslassen. Auch dabei fließen manchmal Tränen. Aber genauso gibt es auch die kleinen Momente, eine flüchtige Geste, ein freundliches Lächeln, ein schnelles „Auf Wiedersehen!“ oder ein schüchternes „Schön, dass du da bist!“ Richtiges Gänsehaut-Feeling kommt aber erst dann auf, wenn es eigentlich nichts zu sehen gibt. Die Menschen, auf die keiner wartet, die nicht noch ein letztes Mal umarmt werden und die mit sich und diesem einen Gefühl ganz alleine unterwegs sind. Das sind meist auch die Menschen, die ich lange in Erinnerung behalte. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn ich beobachte, wie andere Leute – die mir so ähnlich zu sein scheinen – ganz unterschiedlich mit diesem Gefühl umgehen.

Da gibt es die Hastigen, die sich in der Aufregung, die eine Reise mit ihren Fahrplänen und Check-In-Zeiten mit sich bringt, komplett verlieren. Sie eilen verwirrt von A nach B und haben eine Liste mit tausend To-Dos in der Hand, von denen sie die Hälfte nicht erledigen werden. Sie weichen meinem Blick aus und scheinen auf der Suche nach etwas zu sein, von dem sie selbst nicht wissen, was es ist.

Dann sind da die Hungrigen, die alles um sich herum in sich aufsaugen. Schon von weitem kannst du das Lodern in ihren Augen sehen. Sie brennen darauf, diese Welt zu entdecken und sich in ihr nächstes oder manchmal auch in ihr erstes Abenteuer zu stürzen. Sie strahlen eine Mischung von Freude, Positivität und Abenteuerlust aus, die sich auch immer etwas auf die Menschen um sie herum überträgt.

Gerne beobachte ich die Vielflieger, die einfach mit dem Flow gehen und sich von (fast) nichts aus der Ruhe bringen lassen. Du siehst ihnen an, dass das Reisen ein fester Bestandteil ihres Lebens ist und sie sich weder von Fahrplänen, die in letzter Minute geändert werden, noch verspäteten Flügen beeindrucken lassen. Die Aufregung, die du den hungrigen Abenteurern ansiehst, ist ihnen längst verloren gegangen. Sie sind gelassener und cooler, aber mindestens genauso gierig auf das, was vor ihnen liegt.

Die Wartenden gehören einer ganz besonderen Gattung an, die sich überall platzieren, um andere Menschen in Empfang zu nehmen. Sie warten auf Kollegen, Liebhaber, Verwandte, beste Freunde oder Seelenverwandte, und in ihren Blicken kannst du oft ganze Romane lesen. Wenn du mich fragst, dann sind die Wartenden diejenigen, die vor Nervosität am ganzen Körper zittern oder vor Vorfreude auf der Stelle springen. Oft ist die Ungewissheit und Angst oder die Freude und Erwartung vor dem Wiedersehen spürbar, wenn du an ihnen vorbeigehst. Die Fragen, die ihnen durch den Kopf gehen, kannst du manchmal fast hören. „Was, wenn er mit schlechten Neuigkeiten nach Hause kommt?“ oder „Was, wenn es ihr hier nicht mehr gefällt, wenn ich ihr nicht mehr gefalle?“. Aber auch: „Ab jetzt kann uns nichts mehr trennen.“, “Wann kommen sie denn endlich durch die Tür, ich kann es nicht erwarten, sie alle zu umarmen!“

Es sind fast dieselben Fragen, die auch den Ankommenden durch den Kopf gehen. Eine Reise ist schließlich nicht nur ein Entdecken neuer Gegenden auf der Landkarte, sondern immer auch eine Reise zu einem neuen Ort in dir. Du veränderst dich mit jedem Kilometer, den du zurücklegst. Jeder Mensch, den du unterwegs kennenlernst, hinterlässt seine Spuren auf deiner Persönlichkeit. Da erscheint das Zurückkehren oft unmöglich, und die Angst, die man den Leuten ansieht, die sich vor der Tür zur Ankunftshalle rumdrücken, ist real. Aber genauso real ist auch die Freude auf die erste Umarmung einer vertrauten Person, darauf, endlich wieder die besten Kumpels in der Kneipe zu treffen oder einfach mal wieder ein Heimspiel der Lieblingsmannschaft live mitzuerleben. Diese Kleinigkeiten bedeuten manchmal so viel mehr, als du dir am Beginn deiner Reise vorstellen kannst.

Und dann gibt es noch die Beobachter. Die ihren Blick – so wie ich – durch die Menge gleiten lassen. Meistens sitzen sie selbst abseits, in einer Nische oder einer dunklen Ecke, und sind doch mittendrin. Sie sehen diese vielen verschiedenen Augenblicke, sie hören die Geschichten, die niemand erzählt, und erinnern sich manchmal ein Leben lang an ganz bestimmte Szenen. Es sind auch die Beobachter, die meist ihre Kamera griffbereit haben, um eben diese besonderen Reisemomente für immer in einem Bild festzuhalten.

Ich könnte ewig so weitermachen. Es gibt zu viele Menschen, zu viele Geschichten, und alle scheinen sich an denselben Orten zu versammeln: an Orten des Abschieds und des Wiedersehens. Meistens sind genau diese Augenblicke aus dem echten Leben die Bilder, die wirklich sehenswert sind und in denen so viel mehr steckt, als du auf den ersten Blick sehen kannst. Ganz einfach, weil sich keiner vor diesen Momenten verstecken kann – die Mischung aus so vielen verschiedenen intensiven Emotionen lässt sich nur in den wenigsten Fällen komplett verdecken. Spätestens in unbeobachteten Augenblicken beginnt die über Jahre perfektionierte Maske der Gleichgültigkeit abzufallen, und du siehst den Leuten an, was ihre ganz persönliche Reise mit ihnen gemacht hat.

Egal, ob das nun der Alleinreisende ist, der sich mutig und voller Hoffnung in ein neues Abenteuer stürzt, oder ein Vater, der voller Erleichterung steckt, wenn er den letzten Koffer vom Gepäckband holt und mit seiner Familie endlich nach Hause fahren kann. Es ist egal, wo in der Welt du dich befindest, egal, ob du mit der Bahn, dem Auto, dem Flugzeug oder einfach zu Fuß unterwegs bist. Egal, ob du eher gemischte Gefühle oder totale innere Sicherheit in dir trägst. Egal, ob du Abschied nimmst, dir ein Wiedersehen bevorsteht, du kommst, gehst, weiterreist, durchreist oder einfach nur beobachtest – es sind diese Reisemomente, die den Weg zum Ziel und eine Reise zu etwas Besonderem machen!

Wenn du das Glück, das Leid, die Trauer und die Freude anderer Menschen siehst, dann bekommst du immer ein kleines Stück davon ab. Deine Anteilnahme macht dich zum Teil der Geschichte dieser Personen, die in diesen Augenblicken ganz automatisch in deinem Kopf entsteht. Es sind aber erst die Bilder, die in diesen Momenten entstehen, die nicht nur dieses eine ganz bestimmte Gefühl einfangen, sondern auch die Geschichten der Menschen, die authentischer nicht sein könnten.

Die Aufnahme eines Reisemoments, in der ein ganzes Leben steckt!

Über Sebastian Canaves: Aufgewachsen auf Mallorca und mit einem Teil der Familie in Deutschland, reiste Sebastian Canaves schon als Kind viel um die Welt. Seine erste Reise allein führte ihn nach dem Abitur ins weit entfernte Australien, wo ihn das Reisefieber endgültig packte. Heute ist das Reisen Sebastians Beruf: Als Gründer von Europas größtem Abenteuer-Reiseblog Off The Path ist er heute ständig unterwegs, hat schon 100 Länder bereist und in 10 gelebt. Seine Erfahrungen und besten Tipps hat Sebastian Canaves in seinem Buch „Off The Path – Eine Reiseanleitung zum Glücklichsein” gesammelt.

Link zum Blog: www.off-the-path.com

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Die Aufnahme eines Reisemoments, in der ein ganzes Leben steckt!

Sind Reisemomente nur flüchtige Augenblicke oder Sehnsuchtsmomente? Welche Typen Reisende gibt es und was passiert im Moment des Ankommens und Abreisens mit uns? Wir haben Jemanden gebeten, uns diese Fragen zu beantworten, der es wissen muss, weil Reisen und das Schreiben darüber sein Beruf geworden ist.

Text von Sebastian Canaves  |  Egal, wie oft du schon deinen Rucksack oder Koffer gepackt, dich von deinen Lieben zu Hause verabschiedet und deinem Alltag den Rücken gekehrt hast – jedes Mal, wenn du dich wieder auf den Weg machst, heftet sich ein ganz bestimmtes Gefühl an deine Fersen. Es ist eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude, die manchmal mit ein wenig Schmerz und in jedem Fall mit einer großen Portion Abenteuerlust kombiniert wird. Ein Gefühl, das du, obwohl du es nicht genau beschreiben und manchmal kaum aushalten kannst, immer und immer wieder erleben möchtest.

Aber nicht nur der Beginn einer Reise ist ein wahnsinnig intensiver Emotionscocktail, sondern, wenn auch komplett anders, deine Ankunft und deine Rückkehr. Manchmal ist jede Minute zu lang, die dich von deiner Heimat trennt, und du kannst es nicht erwarten, endlich wieder in deinem eigenen Bett zu schlafen. Und genauso oft kann nicht genug Zeit vergehen, bis dich die Vertrautheit deines Zuhauses wieder einfordert.

Es sind aber nicht nur die Momente selbst, die einen Schauer über deinen Rücken jagen, sondern auch die Bilder, die in genau diesen Augenblicken entstehen. Kurze Momentaufnahmen, die auf den ersten Blick eine bekannte Szene zeigen: Menschen am Bahnsteig, auf der Straße, vor einem Bus – sie winken, umarmen sich, lachen, weinen, schreien oder sind ganz still, schauen ins Leere und wirken abwesend. Es könnte jeder sein. Doch wenn du genauer hinsiehst, dann erkennst du, dass jedes Bild eine andere aufregende und meist ganz persönliche Geschichte erzählt. Eine Geschichte voller Hoffnung, Ängste und Veränderungen – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne.

Denn das Reisen besteht nicht nur aus fremden Kulturen, neuen Orten und unvergesslichen Erlebnissen. Reisen ist eine besonders emotionale Angelegenheit, die schier unbeschreibliche Gefühle mit sich bringt. Sobald du anderen Reisenden begegnest, werden diese Gefühle, die du mit dir herumträgst, in vielen kleinen und oft viel zu schnell vergessenen Momenten sichtbar. Das kann in der Abflughalle sein, in der du die sorgenvollen Blicke der Eltern verfolgst, die gerade ihr Kind auf seinen ersten Solotrip verabschiedet haben, oder am Bahnsteig, wenn eine Gruppe junger Leute die Reise ihres Lebens mit lautem Gelächter und echter Freude beginnt. Solche Augenblicke passieren aber auch an Orten, an denen du sie nicht erwartest: Auf offener Straße, wenn sich zwei Freunde nach einer langen Zeit zufällig über den Weg laufen, oder in einer Berghütte mitten in der Einsamkeit der Alpen, in der das längst überfällige Familientreffen stattfindet. Es wird begrüßt und verabschiedet, geweint und gelacht. Menschen kommen und gehen, brechen auf, kommen an oder sind nur auf der Durchreise – aber die Gefühle bleiben.

Vielleicht gehörst du – wie ich – zu den Menschen, die geplante oder ungeplante Wartezeiten damit verbringen, andere Leute auf ihren ganz eigenen Reisen zu beobachten. In den Wartehallen dieser Welt wirst du dabei Zeuge von unglaublich intimen Momenten, die wohl nur an diesen Orten so selbstverständlich in der Öffentlichkeit stattfinden. Es gibt die großen Augenblicke, die zwar nur wenige Minuten dauern, aber in denen manchmal ein ganzes Leben steckt. Dazu gehören tränenreiche Abschiedsszenen und Menschen, die sich beim Wiedersehen buchstäblich in die Arme springen und sich lange nicht mehr loslassen. Auch dabei fließen manchmal Tränen. Aber genauso gibt es auch die kleinen Momente, eine flüchtige Geste, ein freundliches Lächeln, ein schnelles „Auf Wiedersehen!“ oder ein schüchternes „Schön, dass du da bist!“ Richtiges Gänsehaut-Feeling kommt aber erst dann auf, wenn es eigentlich nichts zu sehen gibt. Die Menschen, auf die keiner wartet, die nicht noch ein letztes Mal umarmt werden und die mit sich und diesem einen Gefühl ganz alleine unterwegs sind. Das sind meist auch die Menschen, die ich lange in Erinnerung behalte. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert, wenn ich beobachte, wie andere Leute – die mir so ähnlich zu sein scheinen – ganz unterschiedlich mit diesem Gefühl umgehen.

Da gibt es die Hastigen, die sich in der Aufregung, die eine Reise mit ihren Fahrplänen und Check-In-Zeiten mit sich bringt, komplett verlieren. Sie eilen verwirrt von A nach B und haben eine Liste mit tausend To-Dos in der Hand, von denen sie die Hälfte nicht erledigen werden. Sie weichen meinem Blick aus und scheinen auf der Suche nach etwas zu sein, von dem sie selbst nicht wissen, was es ist.

Dann sind da die Hungrigen, die alles um sich herum in sich aufsaugen. Schon von weitem kannst du das Lodern in ihren Augen sehen. Sie brennen darauf, diese Welt zu entdecken und sich in ihr nächstes oder manchmal auch in ihr erstes Abenteuer zu stürzen. Sie strahlen eine Mischung von Freude, Positivität und Abenteuerlust aus, die sich auch immer etwas auf die Menschen um sie herum überträgt.

Gerne beobachte ich die Vielflieger, die einfach mit dem Flow gehen und sich von (fast) nichts aus der Ruhe bringen lassen. Du siehst ihnen an, dass das Reisen ein fester Bestandteil ihres Lebens ist und sie sich weder von Fahrplänen, die in letzter Minute geändert werden, noch verspäteten Flügen beeindrucken lassen. Die Aufregung, die du den hungrigen Abenteurern ansiehst, ist ihnen längst verloren gegangen. Sie sind gelassener und cooler, aber mindestens genauso gierig auf das, was vor ihnen liegt.

Die Wartenden gehören einer ganz besonderen Gattung an, die sich überall platzieren, um andere Menschen in Empfang zu nehmen. Sie warten auf Kollegen, Liebhaber, Verwandte, beste Freunde oder Seelenverwandte, und in ihren Blicken kannst du oft ganze Romane lesen. Wenn du mich fragst, dann sind die Wartenden diejenigen, die vor Nervosität am ganzen Körper zittern oder vor Vorfreude auf der Stelle springen. Oft ist die Ungewissheit und Angst oder die Freude und Erwartung vor dem Wiedersehen spürbar, wenn du an ihnen vorbeigehst. Die Fragen, die ihnen durch den Kopf gehen, kannst du manchmal fast hören. „Was, wenn er mit schlechten Neuigkeiten nach Hause kommt?“ oder „Was, wenn es ihr hier nicht mehr gefällt, wenn ich ihr nicht mehr gefalle?“. Aber auch: „Ab jetzt kann uns nichts mehr trennen.“, “Wann kommen sie denn endlich durch die Tür, ich kann es nicht erwarten, sie alle zu umarmen!“

Es sind fast dieselben Fragen, die auch den Ankommenden durch den Kopf gehen. Eine Reise ist schließlich nicht nur ein Entdecken neuer Gegenden auf der Landkarte, sondern immer auch eine Reise zu einem neuen Ort in dir. Du veränderst dich mit jedem Kilometer, den du zurücklegst. Jeder Mensch, den du unterwegs kennenlernst, hinterlässt seine Spuren auf deiner Persönlichkeit. Da erscheint das Zurückkehren oft unmöglich, und die Angst, die man den Leuten ansieht, die sich vor der Tür zur Ankunftshalle rumdrücken, ist real. Aber genauso real ist auch die Freude auf die erste Umarmung einer vertrauten Person, darauf, endlich wieder die besten Kumpels in der Kneipe zu treffen oder einfach mal wieder ein Heimspiel der Lieblingsmannschaft live mitzuerleben. Diese Kleinigkeiten bedeuten manchmal so viel mehr, als du dir am Beginn deiner Reise vorstellen kannst.

Und dann gibt es noch die Beobachter. Die ihren Blick – so wie ich – durch die Menge gleiten lassen. Meistens sitzen sie selbst abseits, in einer Nische oder einer dunklen Ecke, und sind doch mittendrin. Sie sehen diese vielen verschiedenen Augenblicke, sie hören die Geschichten, die niemand erzählt, und erinnern sich manchmal ein Leben lang an ganz bestimmte Szenen. Es sind auch die Beobachter, die meist ihre Kamera griffbereit haben, um eben diese besonderen Reisemomente für immer in einem Bild festzuhalten.

Ich könnte ewig so weitermachen. Es gibt zu viele Menschen, zu viele Geschichten, und alle scheinen sich an denselben Orten zu versammeln: an Orten des Abschieds und des Wiedersehens. Meistens sind genau diese Augenblicke aus dem echten Leben die Bilder, die wirklich sehenswert sind und in denen so viel mehr steckt, als du auf den ersten Blick sehen kannst. Ganz einfach, weil sich keiner vor diesen Momenten verstecken kann – die Mischung aus so vielen verschiedenen intensiven Emotionen lässt sich nur in den wenigsten Fällen komplett verdecken. Spätestens in unbeobachteten Augenblicken beginnt die über Jahre perfektionierte Maske der Gleichgültigkeit abzufallen, und du siehst den Leuten an, was ihre ganz persönliche Reise mit ihnen gemacht hat.

Egal, ob das nun der Alleinreisende ist, der sich mutig und voller Hoffnung in ein neues Abenteuer stürzt, oder ein Vater, der voller Erleichterung steckt, wenn er den letzten Koffer vom Gepäckband holt und mit seiner Familie endlich nach Hause fahren kann. Es ist egal, wo in der Welt du dich befindest, egal, ob du mit der Bahn, dem Auto, dem Flugzeug oder einfach zu Fuß unterwegs bist. Egal, ob du eher gemischte Gefühle oder totale innere Sicherheit in dir trägst. Egal, ob du Abschied nimmst, dir ein Wiedersehen bevorsteht, du kommst, gehst, weiterreist, durchreist oder einfach nur beobachtest – es sind diese Reisemomente, die den Weg zum Ziel und eine Reise zu etwas Besonderem machen!

Wenn du das Glück, das Leid, die Trauer und die Freude anderer Menschen siehst, dann bekommst du immer ein kleines Stück davon ab. Deine Anteilnahme macht dich zum Teil der Geschichte dieser Personen, die in diesen Augenblicken ganz automatisch in deinem Kopf entsteht. Es sind aber erst die Bilder, die in diesen Momenten entstehen, die nicht nur dieses eine ganz bestimmte Gefühl einfangen, sondern auch die Geschichten der Menschen, die authentischer nicht sein könnten.

Die Aufnahme eines Reisemoments, in der ein ganzes Leben steckt!

Über Sebastian Canaves: Aufgewachsen auf Mallorca und mit einem Teil der Familie in Deutschland, reiste Sebastian Canaves schon als Kind viel um die Welt. Seine erste Reise allein führte ihn nach dem Abitur ins weit entfernte Australien, wo ihn das Reisefieber endgültig packte. Heute ist das Reisen Sebastians Beruf: Als Gründer von Europas größtem Abenteuer-Reiseblog Off The Path ist er heute ständig unterwegs, hat schon 100 Länder bereist und in 10 gelebt. Seine Erfahrungen und besten Tipps hat Sebastian Canaves in seinem Buch „Off The Path – Eine Reiseanleitung zum Glücklichsein” gesammelt.

Link zum Blog: www.off-the-path.com

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